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Nadifa Mohamed: Der Geist von Tiger Bay

„Der König ist tot, es lebe die Königin“, scheppert es aus den Radios in Tiger Bay, dem Hafenviertel der walisischen Hauptstadt Cardiff.
Wir befinden uns also im Jahre 1952, und zwar in Berlin ́s Milk Bar, dem Treffpunkt somalischer Einwanderer, in die sich tagsüber auch schon die ersten schwarzpullovrigen Studenten verirren. Mohamed erzählt die wahre Geschichte Mahmood Matifs, somalischer Seemann und Heizer, der schon seit Jahren kein Schiff mehr betreten hat, mit Frau und drei kleinen Söhnen in diesem Viertel lebt – und Opfer eines Justizirrtums werden wird.
Er schlägt sich so durch, verspielt die Arbeitslosenunterstützung auf der Pferderennbahn, vergisst nicht, seinem Kleinsten einen Teddy, seiner Frau einen Mantel zu schenken. Nicht eben legal erworben, doch Mohamed nimmt es ihrem Protagonisten nicht übel, beschreibt ihn als etwas naiven Mann, weder des Lesens noch Schreibens fähig.
Und doch weiß er, sich in diesem multiethnischen Viertel, von der Stadt Cardiff abgeschnitten durch Kanäle und Eisenbahngleise, zu behaupten. Er hat gelernt, nicht gesehen zu werden, besonders wenn ihm in der Dunkelheit die weißen Waliser begegnen heißt sein Credo, ein „Geist“ zu sein. Das misslingt auf tragische Weise, als ein Mord geschieht und er aufgrund von falschen Aussagen und Verleumdungen ins Blickfeld der Polizei gerät.
Als ausdrückliche Referenz an die polnisch-jüdische Familie, aus deren Reihen einst das Mordopfer stammte, stellt die Autorin dem Schicksal Mahmoods die Geschichte der Volackis gegenüber; der Ladenbesitzerin Violet, die gemeinsam mit Schwester und Tochter lebt, ihr Mann noch immer kriegsvermisst, in Träumen und realen Begegnungen immer wieder schmerzhaft konfrontiert mit dem Schicksal der osteuropäischen Verwandten.
Wie gänzlich verschiedene Lebenswelten auf dem engen Raum dieses Viertels existieren, das durch die Ansiedlung vor allem von Menschen aus den britischen Kolonialgebieten nach dem ersten Weltkrieg entstanden ist, beschreibt die Autorin so quirlig-lebendig, dass man sich alsbald nicht nur in Berlin ́s Milk Bar heimisch zu fühlen beginnt.
Es ist dem Roman ebendies vorgeworfen worden, nämlich allzu üppig und filmreif zu sein, besonders in der retrospektiven Lebensbeschreibung Mahmoods, eines Seefahrerlebens, das von Somalia über Indien nach Wales führt. Und sicher scheint es zwiespältig zu sein, von einem Buch, das einen real begangenen Justizmord zum Thema hat, sagen zu können, es bereite große Lesefreude.
Wir verdanken aber gerade den opulent metaphernreichen Beschreibungen tiefen Einblick in fremde (Gedanken-) welten und in ein Leben, das von kolonialen Machtverhältnissen geprägt und schließlich blankem Rassismus zum Opfer fällt.
Mohamed, in Somalia geboren und mit ihren Eltern im Alter von drei Jahren nach England gekommen, beschreibt sich selbst als ́historian at heart ́, immer an den Hintergründen einer Geschichte interessiert, und mit dieser halb dokumentarischen, halb fiktionalen Erzählung erweist sie sich auch als eine historian ́with ́a heart. (F. Peters)

 

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783406776823
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Kategorie: Belletristik