Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts I
Die Buchhändlerin Tara Selter lebt mit ihrem Mann Thomas in Nordfrankreich. Nach dem Besuch einer Antiquariatsmesse steckt sie plötzlich in einer Zeitschleife fest: immer wieder durchlebt sie den 18. November. Thomas und alle anderen Menschen, denen sie begegnet, erwachen hingegen stets neu zu ihrem ersten 18. November und ahnen nichts von dem „kleinen Zeitdefekt“. Die Ausgangssituation mag einem bekannt vorkommen und wer denkt jetzt nicht an die Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“? Solvej Balles Roman hingegen liest sich wie eine existentielle Parabel – denken wir also besser an Kafka und Co. Was tun, wenn die Zeit plötzlich aus den Fugen gerät? Wenn „das Dasein sich zeigt, wie es ist: unwahrscheinlich, unvorhersehbar, merkwürdig“?
Tara kehrt aus Paris zurück, versucht Thomas das Unerklärliche zu erklären - selber zu begreifen. Doch das will nicht gelingen, denn jeden Morgen hat Thomas vergessen und wundert sich über die Anwesenheit seiner Frau, die er in Paris wähnt. Mit jedem Tag nimmt die Entfremdung zwischen den Liebenden zu. „Unsere Körper lebten in zwei Zeiten“ wird Tara später festhalten, nachdem sie beobachtet, dass nur ihre Haare wachsen, nur sie älter wird, nur sie bleibende Spuren in der Welt hinterlässt. Diese Kluft zwischen Thomas und ihr hält sie schließlich nicht länger aus und zieht sich ins Gästezimmer zurück. Dort beginnt sie jeden einzelnen 18. November schriftlich festzuhalten und zu nummerieren. Die Notizen zu #122 #123 #124 usw. sind aber, durch feine Verschiebungen in ihrer Wahrnehmung, nie ganz identisch. Sie erlebt zwar immer wieder diesen einen Tag, betrachtet das Geschehene aber aus unterschiedlichen Blickwickeln, schärft ihr Bewusstsein für neue Details, findet andere Wörter für Gleiches - tastet. Balles Sprache bleibt dabei auf eigenartige Weise sachlich und lässt einen wunderbar melancholisch-schönen Leserhythmus entstehen, dem ich mich nicht entziehen wollte. 366 mal nicht. Denn am 18. November #366 schreibt Tara ihren letzten Eintrag. Vielleicht vorerst, denn das Buch ist Teil I eines siebenteiligen Romanprojektes (wow!). Ich werde ein Abo abschließen, denn dieses surreale Werk von berührender Schönheit hallt weit über die Lektüre hinaus in mir nach.(L.Osch)



