Sebastian Lotzer: Begrabt mein Herz am Heinrichplatz

Der Autor, „der in Wirklichkeit ganz anders heißt“, beschreibt in seinem Roman das Leben seines Alter Ego Paul in der autonomen Szene Westberlins zwischen 1980 und 1995. Paul ist in Berlin geboren und stößt als Schüler zur Hausbesetzerbewegung. Nach deren Zerfall beteiligt er sich an den weiteren Aktionen, Kampagnen und Debatten der Autonomen. So ist das Buch in 45 Szenen unterteilt, die in zwei große Blöcke gegliedert und chronologisch aufgebaut sind. Dabei schafft es der Autor unglaublich gut, den Ton jener jungen Menschen zu treffen, die wie der bekannte Klaus-Jürgen Rattay, dem Kapitalismus, der Repression durch alte Strukturen entfliehen und frei sein wollten.
Es ist der Versuch einer Rekonstruktion autonomer Praxis. Unwahrscheinlich fesselnd beschreibt Lotzer detailreich diverse Straßenkämpfe und Debatten, das Leben in den besetzten Häusern, aber auch seine Nachtschichten bei der Post, und kreiert ein sehr authentisches Bild der Szene in dieser hochpolitischen Zeit.
Begleitet wird der Roman von einem sehr umfangreichen Webarchiv, zu erreichen unter http://heinrichplatz.bahoebooks.net, in welchem der Autor sehr gut recherchiertes historisches Hintergrundwissen samt Zeitungsartikeln, alten Videoaufnahmen und Tonspuren zusammengetragen hat.
Ein wirklich ungewöhnlicher Roman, erschienen in einem ungewöhnlichen Verlag, nämlich einem selbstverwalteten Kollektiv in Wien, der als bisherigen Programmschwerpunkt aufständische und revolutionäre Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung hat.
Einziges Manko: Frauen kommen in diesem Buch quasi nicht vor… (L. Huber)

Lotzer, Sebastian
bahoe books
ISBN/EAN: 9783903022621
14,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Belletristik