Milena Michiko Flasar: Oben Erde, unten Himmel
„Herr Ono ist unbemerkt verstorben. Allein. Es gibt viele wie ihn, immer mehr. Erst wenn es wärmer wird, rufen die Nachbarn die Polizei. Und dann Herrn Sakai mit dem Putztrupp, zu dem Suzu nun gehört. Sie sind spezialisiert auf solche Kodokushi-Fälle. ‚Fräulein Suzu‘ fügt sich widerstrebend in die neuen Aufgaben. Es braucht dafür viel Geduld, Ehrfurcht und Sorgfalt, außerdem einen robusten Magen. Suzu lernt schnell Menschen kennen. Tote wie Lebendige, mit ganz unterschiedlichen Daseinswegen. Sie sieht Fassaden bröckeln und ihre eigene porös werden.“ (Verlagstext) Denn natürlich drängt die ständige Präsenz des Todes die Frage auf, was denn eigentlich zu einem guten Leben dazugehört. Zugegeben, ich oszillierte beim Lesen immer wieder zwischen entgegengesetzten und, ja voreiligen Urteilen, wie „zu morbide“ oder aber „zu kitschig“, um mich dann doch sehr von den verschiedenen skurrilen wie liebenswerten Figuren rund um Suzu berühren zu lassen. Etwa von dem kauzigen Takada, der gerne in einem Notizbuch Wörter mitschreibt, die ihm in Unterhaltungen wichtig erscheinen, wie Bingo, Schafe, Theoretische Freiheit. Oder auch von der alten Mrs. Langfinger, die fortlaufend stiehlt, in der Hoffnung so ihren Lebensabend im Gefängnis, wo sie sich Struktur und Gemeinschaft erhofft, verbringen zu können. Am Kirchblütenfest vereinen sich alle im Park zum Picknick, eine Szene die ich sehr mag. Essen, Musik, Gespräche die immer nur kleine Einblicke in die Lebensgeschichten der Einzelnen eröffnen, denn „wie beim Speed-Dating setzten wir uns immer wieder einmal um“. Flasar schafft es immer genau dann eine Prise Ironie oder einen spröden Satz von Suzu einzustreuen, wenn mein Harmonie-Barometer auszuschlagen droht. Ein nie zu schweres Buch über nicht weniger als das Alleinsein und -sterben und eben aber auch über das Zusammensein und die Liebe zu Menschen. (L.Osch)



