Kristin Höller: Schöner als überall

Ich muss zwei mal nachrechnen aber es stimmt; älter als 23 Jahre kann Kristin Höller nicht sein, wenn sie wirklich 1996 geboren ist. Hut ab also vor diesem Debüt, das so frisch und treffsicher daherkommt, dass das Lesen eine reine Freude ist. Vielleicht war es ja hilfreich für die Autorin, dass sie über Gleichaltrige geschrieben hat in ihrem ersten Roman, über eine Lebensphase, in der alle wissen, was sie garantiert nicht wollen aber kaum jemand weiß, wo die Reise hingehen soll. Eine Geschichte um‘s Erwachsenwerden also, um Freundschaft und Liebe, aber eine Geschichte, die für mich zu den besten in diesem Genre zählt.
Am Anfang steht ein Trunkenheitsdelikt; Noah, vielversprechender Jungschauspieler, bricht am Münchener Königsplatz den Bronzespeer der Athene ab. Was nachts in feuchtfröhlicher Gesellschaft ein Dummer-Jungen-Streich schien, lässt Noah am nächsten Morgen panisch reagieren. Das Corpus Delicti muss verschwinden. Mit einem gemieteten Transporter und seinem besten Freund Martin, dem Ich-Erzähler, fährt er bis in die heimische rheinische Provinz, wo ein Baggersee den Speer aufnehmen und Gras über die Sache wachsen soll. Dass Martin dort ausgerechnet seiner großen Liebe Mugo wieder begegnet, kommt unerwartet. Mugo, die wütende Rebellin, die immer nur weg wollte aus der öden Provinz. Sie war schließlich der Grund, dass der eher zögerliche Martin noch vor ihr den Ort verließ und Noah nach München folgte. Nun ist Mugos Ausbruch fürs Erste gescheitert und sie jobbt an der Tankstelle an der Ausfallstraße.
Hier, im Provinznest, nicht richtig Stadt und nicht richtig Land, ergibt sich für Martin aus einer Auszeit die Gelegenheit, Vergangenheit und Zukunft neu zu bewerten. Wunderbar, wie Höller in ihrer einfachen Geschichte das Augenmerk auf Details richtet, die mehr erzählen als tausend Worte. Aus alltäglichen Beobachtungen und kleinen Gesten schafft die Autorin Wahrheiten, die glasklar aus ihren ungekünstelten Sätzen hervortreten.
Ich hoffe, Kristin Höller, die als eine ihrer Lieblingsautorinnen übrigens Lucia Berlin nennt, kann sich diese Empathie und Wärme bewahren, dann werde ich ihr zweites Buch jetzt schon auf meine Wunschliste setzen. (P. Philippi)

Höller, Kristin
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518469958
18,00 € (inkl. MwSt.)