Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Richard ist frisch emeritierter Professor der Altphilologie in Berlin. Er hat viel Zeit. „Richard wartet, aber er weiß nicht, worauf. Die Zeit ist jetzt eine ganz andere Art von Zeit.“ Vielleicht wird er, weil er Zeit
hat, auf einmal aufmerksam auf die afrikanischen Flüchtlinge, die auf dem Oranienplatz zelten, „to become visible“. Was ist ihre Lage? Was bedeutet Zeit eigentlich für diese Flüchtlinge? Mit  wissenschaftlicher Herangehensweise erstellt Richard einen Fragenkatalog. Fragen zum Umgang mit Zeit, wie war der Alltag von Flüchtlingen im ‚normalen‘ Leben, was ist da jetzt an die Stelle getreten? Und so nimmt Richard Kontakt auf, geht in eine Flüchtlingsunterkunft und stellt Fragen. Von einigen Flüchtlingen erfährt er ihre Geschichten. Sie haben Gewalt und Krieg erfahren, Familien verloren oder zurückgelassen, sind auf schwierigen Wegen geflohen. Und nun sitzen sie in Unterkünften, wissen nicht, wie ihnen geschieht und wie es weitergeht. Also heißt es warten. Je mehr Richard sich auf die geflohenen, hilfesuchenden Menschen einlässt, desto mehr kann er es zulassen, dass die Flüchtlinge Platz in seinem Leben einnehmen.
Jenny Erpenbeck ist es hervorragend gelungen, den Leser, die Leserin, in die Geschichte reinzuziehen. Durch die Perspektive ihres Protagonisten, der trotz seines Bildungsstandes unwissend auf die
Flüchtlinge schaut, oder manchmal lieber wegschaut, zeigt die Autorin meisterhaft: man selbst ist nicht anders, man schaut genauso hin oder weg. Und so wie sich Richard immer neue Fragen aufdrängen, merkt man selbst, man hat ebenso kaum Ahnung vom Asylrecht. Dublin II? Duldung? Vorrangregelung? Und wie steht es mit eigenen Vorurteilen? Und wie könnten Probleme gelöst werden? Eins ist sicher: Kein Mensch kommt als Flüchtling auf die Welt, er wird dazu gemacht. Und „Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll?“.
Ein unaufdringlich eindringliches Buch! (A.Mantwill)

Erpenbeck, Jenny
Penguin Verlag
ISBN/EAN: 9783328101185
10,00 €
Kategorie:
Belletristik