Charlotte Gneuß: Gittersee

Charlotte Gneuß wurde mit dem Aspekte Literaturpreis für das beste literarische Prosa-Debüt des Jahres 2023 ausgezeichnet, zudem stand sie mit dem Titel auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Gittersee, ein Vorort von Dresden in den 70er Jahren. Setting gesetzt. Ich halte einen DDR-Roman in meiner Hand – dachte ich, als ich mich, noch fragend, ob ich Lust auf historische Literatur habe, an die Lektüre machte. Die Lustfrage war schnell geklärt und ich mittendrin in Karins Alltag.
Die Sechzehnjährige lebt mit ihren berufstätigen Eltern, ihrer kleinen Schwester und der herrischen Oma in besagtem Vorort. Und dann ist da noch ihr Freund Paul, in den sie sehr verliebt ist, der im Schacht arbeitet, aber lieber Künstler wäre, der zu einem Wochenendtrip nach Tschechien aufbricht und nie zurückkehrt. Am Tag nach seinem Verschwinden klingelt die Stasi an Karins Tür - Beihilfe zur Republikflucht? Ihre Welt bricht auseinander und doch läuft für sie alles ganz normal weiter: in die Schule gehen, fernsehen bei der besten Freundin, auf die kleine Schwester aufpassen. Genau in diesen schlichten Alltagsbeschreibungen liegt für mich die große Stärke dieses Buches, denn Charlotte Gneuß gelingt es, ein Stück DDR-Geschichte aus dem „Kleinen“ heraus zu erzählen – in einer Sprache, die schnörkellos und doch so wunderschön poetisch ist.
Aber zurück zu Karins Alltag, zu dem bald auch wöchentliche Treffen mit dem Stasi-Mitarbeiter Wickwalz, der sich peu à peu das Vertrauen der Jugendlichen erschlichen hat, gehören. Charlotte Gneuß‘ literarisches Werk kann auch als Coming-of-Age Roman gelesen werden, der eindringlich beschreibt was es bedeutet in einem diktatorischen System aufzuwachsen und unausweichlich die Fragen aufwirft: Was ist Schuld und ist Unschuld möglich? (L.Osch)

 


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