Percival Everett: Bäume

Dieses Buch sorgt in mehrfacher Hinsicht dafür, dass Ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt. Da sollte es aber nicht unbedingt bleiben. Nach den ersten Sätzen schon wird klar, dass dieser satirisch angelegte Text großen Spaß machen könnte, mir, und sicher allen FreundIinnen der Groteske, des schwarzen Humors, des Makabren - Fans von Coen-Brothers-Filmen kurz gesagt.
„Money, Mississippi, sieht genau so aus, wie es sich anhört.“ Wir befinden uns in der Gegenwart, USA, Südstaaten.
Weiße werden zunächst in aller Armseligkeit, denn sie sind auch ökonomisch arm (als ´white trash´ bezeichnet sie eine schlimme amerikanische Vokabel) vorgestellt, und wenige Seiten später werden die Männer ermordet aufgefunden, grausam zugerichtet Ein Stacheldraht schlingt sich um ihren Hals, ihre Hoden befinden sich abgeschnitten in der Hand einer sie begleitenden schwarzen Leiche, die, das stellt auch der tumbeste Südstaatensheriff schnell fest, schon viel länger tot ist.
Hallo? Sie sollten jetzt schon noch weiter lesen, ich mag die blutige Seite von Krimis ja auch überhaupt nicht.  
Zur Historie: Emmett Louis Till, US-Amerikaner, afroamerikanischer Abstammung, geboren am 25. Juli 1941 in Chicago, 14-jährig gefoltert und ermordet am 28. August 1955 in Money, Mississippi von dem weißen Lebensmittelhändler Roy Bryant und dessen Halbbruder, nachdem die Schwester Carolyn Bryant,  behauptet hatte, dass Emmett Till aus Übermut ihr gegenüber „Bye, Babe“ rief und einen bewundernden Pfiff ausgestoßen und sie berührt habe - was sie sehr viele Jahre später widerrief. Sie starb 88-jährig im April 2023. Niemand wurde jemals verurteilt.
Percival Everett entwirft nun ausgehend von diesem historischen Lynchmord, der in Literatur und Musik schon vielfach Niederschlag gefunden hat, von dem gesagt wird, er sei der Beginn des Widerstands gegen Rassismus in den USA gewesen, in Form eines Kriminalromans ein großes Rachetableau.
Die örtliche Polizei ist überfordert, die herbeigerufenen Großstadtsheriffs rasseln cool und schwarz in einen stinkenden Haufen alter Ressentiments und alltäglichen Rassismus. So schnell und bizarr die Geschichte voranschreitet, so ernsthaft wird sie doch, getragen von der Gestalt einer 100jährigen Mama Z, die alles gesehen hat, die alles bezeugen kann. Und die ein gewaltiges Archiv besitzt über Lynchmorde in den USA seit Anbeginn. Und die weder zu vergessen noch zu vergeben bereit ist.
Die Verschränkung historischer Tatsachen mit Gegenwärtig-Gesellschaftlichem, die Grausamkeit des Geschehenen zur Groteske zu überhöhen, in einem populären Literaturgenre eine klare, und streitbare Position zu beziehen, darin zeigt sich auch Percival Everetts große Kunst.
Ein Roman, der Sie noch lange beschäftigen könnte, jedoch nicht in schlechten Träumen, sondern in klaren Gedanken. (F.Peters)

 


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