Eva Baltasar: Mammut
Eva Baltasar, 1978 in Barcelona geboren, gilt als eine der wichtigsten Stimmen der katalanischen Gegenwartsliteratur. Mammut ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde und bildet den Abschluss ihrer lose zusammenhängenden dreiteiligen Romanreihe über das Leben von Frauen in der modernen Gesellschaft.
In Mammut kehrt die junge Ich-Erzählerin der Stadt den Rücken zu und lasst sich in den Bergen nieder, zieht in ein abgelegenes und halb verfallenes Bauernhaus: „Ich weiss nicht warum ich gerührt bin, statt angewidert zu sein. Es gefällt mir. Dieses Haus ohne Badezimmer. Diese Art Schweinestall. Mir gefällt dieser Zwang, mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Dass die Notwendigkeit einer Wanne banale Gedanken vertreibt."
Und wer nun einen Aussteigerinnenroman vermutet, der hat natürlich recht. Die Protagonistin besinnt sich auf das ursprüngliche, einfache Leben und befreit sich so zunehmend vom gesellschaftlichen Korsett, welches in Anbetracht der zu bewältigenden Hürden, wie Holz für den verschneiten rauen Winter in Abgeschiedenheit hacken, Essensvorrate anlegen und Hausreparaturen verrichten, an Bedeutung verliert.
Und wer nun, vom modischen Aussteiger*innen-Motiv gelangweilt weiterblättern mochte, der hat, meiner Meinung nach, unrecht. Denn die Autorin geht in ihrem kämpferischen Roman weit über die Darstellung einer idyllischen Rückbesinnung auf sich selbst hinaus. Schicht für Schicht nähert sich die Protagonistin ihrem wilden rohen Kern. Eine Entwicklung, über die Baltasar schonungs-, schnörkellos und mit viel schwarzem Humor schreibt. Ganz ohne menschlichen Kontakt kommt die Erzählerin nicht aus, so hilft ihr der Schäfer vom Nachbarhof sich in der rauen Welt zurechtzufinden und ab und an muss sie Besorgungen im Dorf erledigen.
„Ich ertrage es immer weniger, das Haus zu verlassen. Unter Menschen, ihrer Bedrohlichkeit, muss ich immer öfter an Ausrottung denken.“
Aus dem Versuch einer jungen Frau aus dem modernen Leben, samt seinen Widersprüchen auszubrechen wird zunehmend ein Kampf gegen ihre eigene Auslöschung. Und dieser feministische Aufschrei macht Baltasars Sprachgewalt zu einer regelrecht körperlichen Leseerfahrung, die mich in ihrer Radikalitat tief beeindruckt hat. (L. Osch)



