Esther Gerritsen: Der große Bruder

Die dicke Urlaubslektüre ist Gerritsens Roman nun nicht gerade, aber auf einer Zugfahrt von Saarbrücken nach Koblenz ist Der große Bruder eine wunderbare Lektüre. Oder sagen wir lieber, auf der Strecke zwischen Köln und Bielefeld, da gibt es weniger Gegend zum Schauen.
Aber ganz im Ernst, das schmale Büchlein der holländischen Autorin ist eine ganz fabelhafte Lektüre, egal, wo sie genossen wird.  Gewürzt mit leisem holländischem Humor, erzählt Gerritsen eine Art Familienroman in ungewohnter Kürze. Stilsicher und mit einem feinen Gespür für ihre Figuren zieht sie Leserinnen und Leser schnell in ihren Bann und am Ende legt man das Bändchen fast enttäuscht aus der Hand, denn man hätte noch gern ein wenig weitergelesen.
Aber es geht in diesem kleinen Roman ja nur darum, dass plötzlich etwas anders wird in einem Leben und eben diese Geschichte ist nach 130 Seiten wohl auserzählt.
Olivia, die gut organisierte Unternehmensberaterin, die ein Traditionsgeschäft aus der Krise führen soll, fühlt sich von ihrem großen Bruder Marcus überrumpelt, als dieser ihr weinend am Telefon erzählt, dass ihm ein Bein amputiert werden soll. Ausgerechnet fünf Minuten vor einer wichtigen Konferenz ruft ihr Bruder an, den sie übrigens für einen ziemlichen Versager hält. Doch die Nachricht trifft sie mehr, als sie erwartet hätte und widerstrebend lädt sie den Bruder ein, für eine Übergangszeit bei ihrer Familie zu wohnen. Überrascht stellt Olivia fest, dass ihr Mann und ihre beiden Söhne durchaus freundlich auf  ihren Bruder reagieren. Hat sie sich ein falsches Bild von ihrem Bruder gemacht?  Olivias Sicht der Dinge gerät in den nächsten Tagen mehr als ein Mal ins Wanken. (P. Philippi)

 

Gerritsen, Esther
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783351037024
18,00 €