Michela Murgia: Accabadora
Jetzt ist diese wundervolle zeitlose Geschichte als Taschenbuch erschienen.
Fillus de anima – so nennt man in Sardinien Kinder aus kinderreichen Familien, die einem kinderlosen Paar anvertraut werden. Diese formlose Adoption, bei der das Kind jedoch in engem Kontakt zu seiner Ursprungsfamilie bleibt, hat einen durchaus praktischen Hintergrund; die neuen “Eltern” nähren und kleiden das anvertraute Kind in der Erwartung, dass sich dieses im Alter um sie kümmern wird.
Maria Listru ist sechs, die jüngste und vernachlässigte Tochter einer mittellosen Familie, als sie von der alleinstehenden Bonaria Urai angenommen wird. Das verständige Kind braucht Zeit bis es begreift, dass es im Haus der stets schwarz gekleideten Schneiderin ein willkommener Gast ist. Maria registriert, dass ihre neue Mutter im Dorf mit Respekt und Distanz behandelt wird und eine ganz besondere Rolle in der dörflichen Gemeinschaft spielt. Erst nach Jahren wird Maria unter dramatischen Umständen das Geheimnis der Ziehmutter aufdecken.
Wie aus einer längst vergangenen archaischen Welt erreicht uns Michela Murgias kurzer aber überwältigender Roman um ein Kind und eine alte Frau.
Accabadora ist ein spröde funkelnder Stein, der einen ganz eigenen Glanz ausstrahlt. Murgias Stil ist unaufdringlich, beinahe bescheiden, aber sie findet genau die richtigen Worte, um Marias und Bonarias Welt zu beschreiben. (P.Philippi)



