Louise Erdrich: So war die Welt

Warmherzig und liebevoll beschreibt Erdrich in ihrem Roman die Menschen, die im North Dakota von 2008/2009 ihre von Horizont zu Horizont reichenden Zuckerrübenäcker bewirtschaften. Gedankenlos vergiften sie die Erde, um industriellen und wirtschaftlichen Auflagen gerecht zu werden und um zu überleben.
Vor der Kulisse der weiten Landschaft, dem unendlichen Himmel und der Unberechenbarkeit des Red Rivers malt Erdrich Beziehungsbilder: die radikal ehrliche und fürsorgliche Verbindung zwischen Crystal und ihrer Tochter Kismet; das Nicht-Ehe-Verhältnis zwischen Crystal und Michael, Kismets Vater, seinen Vertrauensbruch und die hohe Schauspielkunst, die er an den Tag legt; die nonkonformistische Hingabe zwischen Kismet und Hugo, dem hochintelligenten, romantischen, idealistischen Liebhaber, der 16- jährig als Mudlogger (eine Art Bohringenieur) auf einem Ölfeld Geld für ein Leben mit Kismet verdienen will; und die vermeintliche große Liebe seines Konkurrenten Gary, dem stereotypen jungen Amerikaner vom Land: Footballspieler, Erbe einer großen Zuckerrübenfarm und verwöhntes Glückskind, der Kismet als seine Retterin, Konstante und Ehefrau sieht. Gary wirkt einfältig und tumb, verbirgt jedoch in seinem Inneren totgeschwiegene Schuldgefühle und große, durchdachte Zukunftspläne.
Ein Schlüsselereignis ist der tragische Unfall, der die Zeit in ein Davor und Danach teilt und an dem Gary maßgeblich beteiligt ist. Das Draufgängertum der bekifften, betrunkenen Jungsclique konfrontiert die fünf Heranwachsenden mit Tod, Schuld und Verantwortung.
Erdrichs Sprache und Sichtweise sind dicht und gehaltvoll wie die Handvoll Erde, die Kismet in der Hand hält, „ein buntes Gemisch“: Sie lässt mich mal nah an einzelne Charaktere heran und tief hineinblicken, mal schaue ich auf das große Ganze in räumlicher und zeitlicher Perspektive, auf die Verantwortung für unser Leben, für Menschen, das nährende Land, begangene Fehler.
Am meisten hat mich beeindruckt, wie Crystal pragmatisch, hart und unermüdlich Nacht für Nacht mit ihrem Zweiseitenkipper tonnenweise Zuckerrüben transportiert, putzt, Samen in kleinen Tüten aufbewahrt, um ihr Leben und das ihrer Tochter zu bestreiten und auch in größter Verzweiflung nicht aufgibt. Ein wunderbarer Roman darüber, wie die Welt war und ist. (S. Hoeller)
 


Bibliographie
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