Karen Köhler: Miroloi

Als der Bethausvater überraschenderweise einen Säugling auf seiner Türschwelle vorfindet, nimmt er die Kleine auf. Älter geworden übernimmt sie Aufgaben, wie den Haushalt – was in der Dorfgemeinschaft eine Selbstverständlichkeit und Gesetz ist – macht Feuerholz, sammelt Kräuter und unterstützt den Bethausvater bei Zeremonien. Einen Platz in der Gesellschaft bekommt sie trotzdem nicht. Sie trägt nicht mal einen eigenen Namen. Nur mit wenigen Vertrauten kann sie überhaupt über ihre unbeantworteten Fragen und die widersprüchlichen Gefühle sprechen, Teil des „Schönen Dorfes“ sein zu wollen. So wird die Ortschaft auf der „Schönen Insel“ genannt, auf der  dieser Roman spielt. Genau verorten lässt sich der Schauplatz nicht – weder örtlich noch zeitlich. Jedoch von Plastikmüll der angeschwemmt wird ist die Rede, und von sogenannten Fernsehern, von denen der Händler erzählt, der wöchentlich die Insel ansteuert.
Die patriarchale Gesellschaft, in der ein tief verwurzelter Glaube und strikte Hierarchien herrschen, Frauen nicht lesen lernen dürfen und überhaupt beschnittene Rechte haben, wirkt von meinen Lebensstandpunkt aus betrachtet veraltet – aber beim Nachdenken entdecke ich Parallelen und die zunächst befremdlich wirkende Gemeinde mit ihren tausend Augen rückt nah an einen heran. Wie die junge Erzählerin anfängt zu zweifeln, ihre Autonomie und Sexualität entdeckt, sich gegen eine ganze Gesellschaft regelrecht auflehnen muss, hat mich das Buch vor Spannung kaum aus der Hand legen lassen. (H. Pfaffmann)

Köhler, Karen
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446261716
24,00 € (inkl. MwSt.)