Jana Scheerer: Die Rassistin
„Aus Transparenzgründen möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich den vorliegenden Roman nicht selbst verfasst habe“. Im „Vorwort“ schreibt Scheerer, nicht sie, sondern ein gewisser Anton Ansbach habe den Roman in ihrem Namen geschrieben. Darauf folgt eine Stellungnahme der Hauptfigur Nora Rischer – Moment!?
Genau, die Leser*innen befinden sich bereits mitten in der Fiktion, obwohl der Roman selber angeblich erst auf Seite 17 beginnt. Ein höchst vergnügliches Verwirrspiel, das sich durch die weitere Geschichte zieht. Nora Rischer, 44 jährige Sprachwissenschaftlerin liegt auf dem Behandlungsstuhl einer Kinderwunschklinik als sie die Nachricht erreicht, dass es einen rassistischen Vorfall an ihrer Uni gab. Etwa in ihrem Seminar? Rischer taucht tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt ein, stellt sich der eigenen inneren Anklage und ihren zahlreichen kritischen Stimmen. Hat sie sich tatsächlich rassistisch verhalten? Sie, die queere, linksliberale, umweltbewusste und gebildete Frau? Beeindruckenderweise passiert in dieser grotesken und extrem tempo- und trickreichen Geschichte kaum etwas auf der Handlungsebene, sie bleibt vorwiegend beim inneren Diskurs Rischers.
Mit viel Witz nimmt die Autorin unter die Lupe was gesellschaftlichen Austausch über Diskriminierung so kompliziert macht – etwa wenn sie die Lektorin zu Wort kommen lässt, welche bemängelt, dass die Figur Nora Rischers stark ist aber doch einige ihrer Aussagen schwierig sind, weil sie von einem „alten weißen Mann“ (Anton Ansbach, wir erinnern uns) verfasst wurden. Sicherlich, Scheerer trägt stellenweise dick auf, ohne dabei aber den wichtigen Diskurs über politische Korrektheit lächerlich zu machen oder gar zu delegitimieren. Im Gegenteil. (L. Osch)



