Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen

Die 30jährige Tatarin Suleika ist eine zierliche Frau, die in ihrem Leben nur Unterdrückung, Gewalt und Leid erfahren hat. Von ihrem dreißig Jahre älteren Mann, einem Bauern, und dessen Mutter wird sie wie eine Sklavin ausgebeutet; sie gebar bisher vier Töchter, die alle als Säuglinge starben.
Der Roman setzt nun 1930 ein, zur Zeit als durch Stalin verfügt wird, dass die tatarischen Bauern – über Jahre hinweg schon an willkürliche Ausplünderung durch den Staat gewöhnt – komplett enteignet und deportiert werden sollen. Suleika muss auf sich alleine gestellt nach Sibirien, denn ihr Mann wurde beim Versuch sich zu wehren erschossen. Hunderte Menschen werden eng zusammengepfercht in Viehwaggons monatelang Richtung Sibirien transportiert.
Zu den wenigen, ca. 30 Überlebenden, die am Zielort in der sibirischen Tundra ankommen, gehört auch die mittlerweile hochschwangere Suleika. Zwangsläufig müssen sich die Deportierten dort zu einer Gemeinschaft zusammenfinden, die mit höchstem körperlichen Einsatz eines Jeden und großer Solidarität das Überleben in dieser kargen, kalten menschenfeindlichen Umgebung sichert. Ohne nennenswerte Hilfsmittel ausgestattet, gelingt es auf primitivste Weise zu jagen, Holz zu sammeln, sich Unterkünfte und Heizmöglichkeit für den Winter zu bauen. Und Suleika werden sogar kostbare Privilegien zugestanden, wie mehr Essen oder weniger anstrengende Arbeit. So bringt sie einen gesunden, lebensfähigen Jungen zur Welt, den sie über 15 Jahre hinweg in diesem Lager – das sich im Laufe der Jahre fast zu einem richtigen Dorf vergrößert – aufzieht. In diesen langen entbehrungs- und arbeitsreichen Lagerjahren durchlebt Suleika eine starke Wandlung: sie wird von einer geknechteten unbedarften jungen zu einer starken, sich ihrer Fähigkeiten bewussten Frau.
Jachina gibt in diesem umfangreichen Roman nicht nur der Geschichte der Protagonistin viel Raum, sondern auch anderen SchicksalsgenossINNen. Sie erzählt in starken Bildern eindringlich vom Überlebenskampf und den Versuchen, Anstand, Menschlichkeit und Kultur zu bewahren.
Eine Absicht der Autorin war, mit der intensiven Beschreibung dieser Schicksale an die Verbannung von fast 9 Millionen ‚Kulakenbauern‘ aus Tatarien zu erinnern – ihre eigene Großmutter war eine Betroffene – das ist ihr hervorragend gelungen. (A. Mantwill)

Jachina, Gusel
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783351036706
22,95 € (inkl. MwSt.)