Fernando Aramburu: Patria

Freiheitskämpfer oder Terroristen? Es hängt wohl sehr vom Standpunkt des Betrachters ab, welches Urteil über die ETA gefällt wird und ihren Kampf um die Unabhängigkeit des Baskenlandes. Im Jahr 2011 erklärte die ETA den bewaffneten Kampf für beendet, in knapp 50 Jahren starben über 800 Menschen bei Anschlägen und Attentaten.
Fernando Aramburu erzählt die Geschichte eines politischen Konflikts anhand zweier Familien in einer kleineren Ortschaft im Baskenland und es tut manchmal furchtbar weh, zu lesen, welche Wunden von Fanatismus und Extremismus gerissen werden.
Freundinnen sind Miren und Bittori, Freunde sind auch ihre Männer, die sich am Wochenende zu gemeinsamen Radtouren treffen. Auch ihre Kinder verstehen sich gut und alles könnte so bleiben. Doch dann tauchen die ersten Schmierereien im Dorf auf, die sich gegen Bittoris Mann Txato richten, den kleinen Fuhrunternehmer, der nicht auf die Schutzgeldforderungen der ETA eingehen kann und will. Mirens Sohn dagegen sympathisiert mit der ETA und geht schließlich in den Untergrund. Als Txato ermordet wird, wächst der Druck auf Bittoris Familie noch weiter, und diese
sieht keine andere Lösung, als den Heimatort zu verlassen. Zwanzig Jahre später sehen die misstrauischen Dorfbewohner, dass wieder Licht brennt im verlassenen Haus der Familie; Bittori ist zurückgekehrt um endlich die Ermordung ihres Mannes aufzuklären.
Auf über 750 Seiten lässt der Autor seine Protagonisten erzählen, wechselt die Perspektive und die Zeit. Doch immer wieder kehrt er zurück zum Tag von Txatos Ermordung, dem traumatischen Angelpunkt, der alles veränderte. Zwei starke und unbeugsame Frauengestalten stehen im Mittelpunkt von Aramburus Roman, der in Spanien zum Bestseller wurde. Auch wenn im Buch alle Familienmitglieder zu Wort kommen, die beiden Mütter hinterlassen in ihrer gleichzeitigen Härte und Hilflosigkeit den tiefsten Eindruck und deuten vielleicht am Ende so etwas wie Verzeihung an.
Dass Aramburus Roman in Spanien vor dem Hintergrund der katalonischen Unabhängigkeitsbestrebungen
besondere Beachtung gefunden hat, erscheint logisch. Doch diese Geschichte um politisch bedingte Gewalt, um Freundschaft, Vergebung und Familie hat wohl überall ihre Gültigkeit und lässt ihre LerserInnen nicht kalt. Aamburu
hält keine leichten Antworten bereit – aber die erwartet wohl auch niemand von einem solchen Buch. (P. Philippi)

Aramburu, Fernando
Rowohlt Verlag
ISBN/EAN: 9783498001025
25,00 €
Kategorie:
Belletristik