Emmanuel Carrère: Yoga
Lesen Sie dieses Buch nicht, wenn sie ein heiteres, feinsinniges Büchlein über Yoga erwarten.
Ein solches zu schreiben war nach eigener Auskunft die Absicht des Autors, doch das Schicksal durchkreuzt seine Pläne in Gestalt des terroristischen Anschlags auf Charlie Hébdo, bei dem ein Freund getötet wird, eine bipolare Störung wird diagnostiziert, in deren Verlauf er in eine tiefe Lebenskrise stürzt und in psychiatrischer Behandlung auch einer Elektrokonvusionstherapie (weniger charmant und veraltet:Elektroschocks) unterzogen wird.
Die Literatur ist der Ort, wo man nicht lügt, sagt Carrère, und da er sich dem autobiografischen Schreiben verpflichtet hat, ist dies ein Buch voll unangenehmer Wahrheiten.
Wenn er seinen Aufenthalt in einem Yoga-Retreat beschreibt („Vipassana-Kurse sind das Kampftraining der Meditation“), seine unermüdlichen Versuche ein guter Mensch zu sein, oder einfach gegen das Einschlafen seiner alten Beine kämpfen muss, wenn er von der griechischen Insel erzählt, auf der er nach Entlassung aus psychiatrischer Behandlung einen Schreibkurs für junge Gefüchtete gibt, tut er das mit soviel Empathie für seine Mitmenschen und -streiter und selbstironischen Anflügen, dass man sich dann doch immer wieder in einem heiteren, feinsinnigen Büchlein wähnt. Es begegnet einem wohltuend kein Meister seines Fachs, sondern ein Suchender und Zweifelnder.
So wird Yoga eben doch auch zu einem faszinierenden Buch über Yoga, die Kunst, Gegensätze nebeneinander bestehen zu lassen. (F. Peters)



