Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Zu viele Vorschusslorbeeren können eine Bürde sein für jedes Buch, denn es wird ohne Zweifel sehr kritisch gelesen. Zumindest meine hohen Erwartungen wurden bei Elena Ferrantes erstem Band ihrer neapolitanischen Saga voll und ganz erfüllt.

Meine geniale Freundin ist die faszinierende Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen bis zum Alter von sechzehn Jahren in einem städtisch-proletarischen Stadtviertel der 50er Jahre in Neapel. Elena, die Ich-Erzählerin, ist die Tochter eines städtischen Pförtners, ihre beste Freundin Lila stammt aus einer Schusterfamilie. Selbstverständlich sind die beiden Mütter Hausfrauen, doch Elena und Lila scheinen das Zeug zu haben, die Enge des Viertels mit seinen vorgefertigten Lebensentwürfen hinter sich zu lassen.

Die ursprüngliche Rollenverteilung scheint klar: Lila ist die ebenso einfallsreiche wie unerschrockene Freundin, die sich bereits mit fünf Jahren das Lesen selbst beibringt. Elena dagegen ist eher ein zurückhaltendes, fleißiges Mädchen, das sich Lila in einer Mischung aus Neid und Bewunderung bedingungslos anschließt. Doch als Elena die höhere Schule besucht während Lila in der väterlichen Werkstatt mitarbeiten muss, scheint sich das Blatt zu wenden.

Das Besondere an Ferrantes Geschichte, in der Männer wirklich nur die Nebenrollen besetzen, ist, dass sie weit über die Geschichte einer weiblichen Freundschaft (und Konkurrenz) hinausgeht. Es ist eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Mädchen und späteren Frauen, und mindestens genau so komplex ist das soziale Umfeld des Viertels mit seinem Geflecht an Großfamilien und ihren tiefverwurzelten Abhängigkeiten und Feindschaften, von Eifersucht, Missgunst, Neid und Hass bis hin zum Mord. Elena und Lila wollen etwas anderes für ihr Leben und beide kämpfen dafür auf ihre eigene Art.

Der Name der Autorin Elsa Ferrante ist ein Pseudonym, die Schriftstellerin hat sich nach Abschluss des ersten Romans für die Anonymität entschieden. Mit welcher Vehemenz sich nun manche Journalisten auf die Jagd nach ihrer wahren Identität gemacht haben, verwundert allerdings. Ganz gleich, wer sich hinter dem Namen Elsa Ferrante verbirgt, diese Frau kann erzählen und sie hat etwas zu erzählen.

Der Suhrkamp Verlag will die drei noch fehlenden Bände nun in schneller Folge veröffentlichen, der zweite Band wird Anfang Januar erscheinen. Ich warte schon ungeduldig. (P. Philippi)

Ferrante, Elena
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518425534
22,00 € (inkl. MwSt.)