Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Man möchte, noch während man den neuen Roman von Daniel Kehlmann liest, mehr über diesen Regisseur erfahren, den er zu seinem Protagonisten gewählt hat.

Den sozialkritischen, österreichischen Filmemacher Georg Wilhelm Pabst, der zu seiner Zeit gefeiert war, von proletarischen (Frauen-)leben erzählte, in Frankreich seine ersten Tonfilme drehte, für seinen Antikriegsfilm und ein Bergwerksdrama ausgezeichnet wurde mit den Preisen des Völkerbunds für Völkerverständigung und der Légion d‘honneur der Französischen Republik.

In Deutschland wurde er zunehmend angefeindet, seine Filme von der Zensur zerstückelt.

Als er nach seinem künstlerischen Scheitern in Hollywood aus persönlichen Gründen nach Österreich zurückkehren muss, und seine Wiederausreise in die USA durch den Beginn des zweiten Weltkrieges vereitelt wurde, beginnt das, was Kehlmann im Interview eine „moralisch verwickelte Geschichte“ nennt.

Während das faschistische NS-Regime sich gerne mit diesem internationalen Star-Regisseur schmücken würde, müssen Pabst und seine Familie sich ducken vor dem noch so kleinen Orts-Nazi in der österreichischen Heimat, nun Ostmark genannt. Pabst weiß, was vor sich geht, sieht, was mit Menschen geschieht, die Nein sagen. Und sagt leise Ja. Er dreht, an der Aufnahme in die Reichsfilmkammer gescheitert, mit Ausnahmegenehmigung groß ausgestattete und großzügig finanzierte Historienfilme.

Kehlmann erzählt das -sehr angemessen- in filmisch anmutenden Szenen, oft kurzen Kapiteln, scheint Pabst, der als Meister auch des Filmschnitts galt, nacheifern zu wollen. Man kann sich dem Sog der Geschichte dann auch nicht entziehen, ist sogleich mittendrin in diesem Leben. Schaudert bei der Beschreibung der Eingeschlossenheit in einem verbrecherischen System, gruselt sich in den Szenen seiner Anbiederung, des großen Opportunismus, den dieses System von ihm fordert. Eine düstere Geschichte, die Kehlmann dazu verleitet, seine Leserschaft mit allerlei filmexpressionistischen Szenen zu verwirren, für manchen Cineasten möglicherweise eine Freude, doch schon der Regisseur musste sich diese Leidenschaft für überkommene Ästhetik vorwerfen lassen.

Der Roman bietet neben bester Unterhaltung ein who is who der deutschsprachigen Filmgeschichte - bleibt aber etwas blass bei seinem eigentlichen Thema, der Zerrissenheit des künstlerisch Schaffenden in einem System der Unterdrückung, der politischen ebenso wie der moralischen Verantwortung eines immerhin nicht Einflusslosen.

Lichtspiel weckt aber unbedingt den Wunsch, ins Kino zu gehen (oder auch die zur Zeit laufende Ausstellung in der Völklinger Hütte zu besuchen: Der Deutsche Film 1895 bis heute) F.Peters


Bibliographie
Kategorie
deutscher_buchhandlungspreis_logo_2019_mit_zusatz_retina.jpg
buchhandlungspreis.jpg
deutscher_buchhandlungspreis_logo_2024_254.png
banner_neustart-kultur.png