Annie Ernaux: Das Ereignis
„Wenn ich die Erfahrung nicht im Detail erzähle, trage ich dazu bei, die Lebenswirklichkeit von Frauen zu verschleiern“ schreibt Annie Ernaux. Ja! Und zum Glück hat sie alles aufgeschrieben. Sie wurde als junge Studentin ungewollt schwanger und berichtet in diesem autobiografischen Roman mit eindringlicher Genauigkeit von ihrem illegalen Schwangerschaftsabbruch bei einer „Engelmacherin“ in den 60er Jahren. Schicht für Schicht legt Ernaux das Ereignis frei. Sie geht dabei systematisch vor, erklärt ihre Beweggründe nach all den Jahren zurückzublicken, beleuchtet ihre Gefühlszustände, erzählt von ihren Schwierigkeiten jemanden zu finden, der bereit ist ihr zu helfen, und schildert sehr nüchtern den Verlauf ihrer Abtreibung in einer Pariser Hinterhofwohnung.
Ja, das Buch ist schonungslos, denn Annie Ernaux lässt kein Detail ihrer Erinnerungsreise aus. Es ist aber auch versöhnlich und zärtlich und politisch und zutiefst menschlich und berührend, trotz oder wegen der Distanz, die die Autorin durchgehend bewahrt. (L. Köhl)



