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Schneefeste

Ben Deickers erster Fall - Kriminalroman

Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783941651203
Sprache: Deutsch
Umfang: 357 S.
Format (T/L/B): 3.2 x 21.2 x 15.7 cm
Einband: gebundenes Buch

Autorenportrait

Autor Ditmar Doerner ist Journalist und seit vielen Jahren jetzt freier WDR-Mitarbeiter. Schneefeste ist sein Erstwerk. Er ist u. a. Gast bei den diesjährigen Siegburger Literaturwochen. Zurzeit schreibt der Autor an "Sonnenblende". Das ist der zweite Fall von Ben Deicker und Tom Heller und führt nach Griechenland.

Leseprobe

Ein feiner Nebel zog über die Häuser des Dorfes und ein unbeteiligter Beobachter hätte sich am Bild der Dutzend alten Fachwerkhäuser erfreuen können, aus deren Schornsteinen in dünnen Schwaden Rauch in den Schnee verhangenen Himmel schwebte. Doch es war noch früh am Morgen und niemand, weder ein Einheimischer, noch ein Auswärtiger, war zur Stelle, um die letzten Augenblicke des Friedens in dem kleinen Dorf genießen zu können. Eine tiefe Stille lag über den verschneiten Häusern, eine Stille, wie sie nur in einem kalten und schneereichen Winter möglich ist. In den Ställen waren ab und an Kühe zu hören, die gemolken werden wollten. Das metallene Scheppern der Geschirre, mit denen sie an ihren Plätzen nebeneinander festgemacht waren, hatte bereits vor dem Morgengrauen eingesetzt. So wie jeden Tag. Und obwohl es schon kurz vor halb sieben war, zeigte sich noch keiner der Einwohner auf den engen Gassen des Dorfes. Das lag nicht nur etwa daran, dass für die Kinder bereits Weihnachtsferien waren, sondern an den Schneemassen, die das kleine Dorf vor drei Tagen zugedeckt hatten. Vor genau zweiundsiebzig Stunden war es dem Räumdienst der Gemeinde zum letzten Mal gelungen, bis in die kleine Ortschaft vorzudringen. Seitdem war das Dorf von der Außenwelt abgeschnitten. 6 7 An den Seitenstreifen der Straße hatte der zur Seite geschobene, schmutzige Schnee kurz das friedliche Bild der vollkommenen Winterlandschaft zerstört, doch die wieder einsetzenden Schneefälle hatten die Idylle rasch wieder hergestellt. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre das Dorf nicht eingeschneit worden, hätte es also vielleicht getaut oder wäre irgend jemand in der Gemeinde auf die Idee gekommen, für die kleine Ortschaft eine Art Schnee-Notfallplan zu erstellen, dann wären die kommenden Ereignisse vielleicht nicht so passiert, wie sie dann passierten. Und wie es nur der Wunsch eines Einzigen war, der sogar dafür gebetet hatte, dass das Dorf für einige Tage zu seiner eigenen, kleinen Welt, seinem eigenen kleinen Kosmos wurde. Mit all seinem Guten - und all seinem Bösen. Erster Tag Kapitel eins Wenn man nach langer Zeit wieder allein in seinem Bett schläft, dann ist dieser Schlaf häufig unruhig, leicht und nicht erholsam. Wenn man dann eine stille Minute in sich hinein hört, scheint es, als signalisiere der Körper, dass er nun verletzlicher ist, weniger geschützt und anfälliger für Angriffe von außen. Auch Paul Jonkers Schlaf war unruhig, leicht und wenig erholsam. Vor knapp einem halben Jahr hatte der Krebs seine Frau Lina geholt, nach fünfundvierzig Ehejahren. Hier in diesem alten, am Fußende schon wurmstichigen Holzbett, das hier schon gestanden hatte, als sie beide hier eingezogen waren. Eines Morgens, an einem sonnigen Samstag im Juli, er war gerade vom Bettrand aus in seine Pantoffeln geschlüpft, hatte er diese ungewohnte Stille bemerkt. Er hatte gestutzt, gelauscht, ohne sich zu rühren, aber alles, was er gehört hatte, war das Rauschen der Blätter und das aufgeregte Gezwitscher der Spatzen und Amseln draußen in den Kirschbäumen. Es hatte das angestrengte Atmen seiner Frau gefehlt, das ihn die vergangenen Monate des Öfteren beinahe in den Wahnsinn getrieben hatte, und das er nun - kaum zu glauben mit einem Schlag vermisste. Auch heute Morgen wälzte sich der alte Bauer wieder ruhelos von einer Seite zur anderen. Er wusste, dass er nicht mehr einschlafen würde, jetzt nicht mehr, wo er einmal ans Denken gekommen war. Trotzdem hielt er die Augen geschlossen. Eine schwache Helligkeit drang durch seine Lider. Während er dalag und versuchte, sich zu entspannen, an irgendetwas anderes zu denken als an seine Frau, schob sich ein leises Geräusch immer mehr in den Vordergrund seines Bewusstseins. Es war das Zerren der Kühe in ihren Geschirren drüben im Stall. So unruhig bewegten sie sich nur, wenn sie noch nicht gemolken waren. Eine Sekunde lang wollte Paul sofort aufspringen, doch dann erinner