Sorj Chalandon: Am Tag davor

Sorj Chalandon, französischer Bestsellerautor, in Tunis geboren, widmet seinen neuen Roman einer historischen Katastrophe, dem Grubenunglück in der Zeche Saint-Amé in Liévin im Pas du Calais - und namentlich seinen Opfern.
Er begegnet uns zunächst in Form einer Milieustudie, mit immer wiederkehrenden Verweisen auf Zolas Germinal, auktorial erzählt vom jungen Michel Flavent, noch aus bäuerlicher Familie stammend, dessen Bruder ebenso wie er einen Ausweg aus der sozialen Klasse sucht, Rennfahrer werden will und doch in der Falle der örtlichen Möglichkeiten gefangen bleibt.
Joseph, der so bewunderte große Bruder „Jojo“, der den Kleinen auf wilde, freiheitsversprechende Moped-Trips mitnimmt wird doch wie alle als Bergmann enden. Und das wörtlich, denn bei der großen Katastrophe 1974 verliert er sein Leben bei einer Grubenexplosion.
Doch was so gesellschaftsbeschreibend beginnt, entwickelt sich bald zu einem psychologischen Roman um Schuld und Verantwortung. Michel, der Reißaus nach Paris nimmt, wird sein Leben lang an seine Herkunft und die tragischen Momente seiner Jugend gefesselt bleiben.
Vierzig Jahre, ein halbes Leben später, beschließt er, nach dem Tod seiner Frau zurückzukehren an den Ort seiner Kindheit, um den Auftrag seines Vaters, der sich das Leben nahm, zu erfüllen: Rache zu nehmen an der Zeche, die so viele Familien zerstörte.
In einer nun vom Niedergang des Bergbaus gezeichneten Landschaft begibt er sich auf die verhängnisvolle Suche nach dem für das Grubenunglück Verantwortlichen, schleicht unter falschem Namen durch die eigene Geschichte.
Damit wird das Buch zur Kriminalgeschichte, und bleibt, wie in der Beschreibung eines der Industrialisierung preisgegebenen Ortes, der familiären Strukturen und schließlich in der Beschreibung einer Rache und deren justizialer Konsequenzen faszinierend präzise in der Darstellung und tiefschwarz vom Kohlenstaub.
Was „Am Tag zuvor“ geschah erfahren wir schließlich in einer überraschenden Wendung der Erzählung über Wut und Trauer, und der Satz, gleichsam Mantra des Romans: „die Zeche hat meinen Bruder getötet“ bleibt gültig und lange haften im Gedächtnis des Lesers. (F. Peters)

Chalandon, Sorj
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783423281690
23,00 € (inkl. MwSt.)