Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

In einem kurzen Prolog schreibt Rothmann: „Sprach ich meinen Vater in der Kindheit auf sein starkes Haar an,  sagte er,  das komme  vom  Krieg; man habe sich täglich frischen Birkensaft in die Kopfhaut gerieben.  Ich fragte nicht weiter nach, hätte wohl auch, wie so oft, wenn es um die Zeit ging, keine genauere Antwort bekommen. Die stellte sich erst ein, als ich Jahrzehnte später Fotos von  Soldatengräbern in der Hand hielt und sah, dass viele Kreuze hinter der Front aus jungen Birkenstämmen gemacht waren.“
Rothmann selbst gehört zur Generation der von Sabine Bode beschriebenen Kriegskinder.
Weiterführend thematisiert er autobiografische Parallelen in diversen Interviews.
Der Protagonist Walter Urban, ein 17­jähriger Melker, wird zusammen mit seinem besten Freund Fiete im Februar 1945 zwangsrekrutiert, „als  Kanonenfutter“, wie Fiete sofort erkennt. Schon am nächsten Morgen müssen die beiden los,
Fiete desertiert, wird jedoch sofort gefasst. Walter soll seinen besten Freund als Sanktionsmaßnahme standesrechtlich erschießen. Dieser realistische und detailgetreue Teil des Romans vermittelt eine Nähe zwischen den Freunden, die berührt und erschüttert.
Im Zentrum steht die Frage nach Schuld oder Un­schuld, Täter oder Opfer.
Ein Buch, das trotz der bedrückenden und schrecklichen Thematik durch seine fast poetische Sprache besticht, ein beeindruckender Roman gegen das Vergessen. (F. Peters)

Rothmann, Ralf
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518466803
11,00 € (inkl. MwSt.)