Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

 

Um es gleich vorwegzunehmen: von Verschwinden kann eigentlich keine Rede sein.

Mengele, Arzt in Auschwitz und Sinnbild der Entmenschlichung lebte seit seiner Flucht aus Deutschland wie so viele Kriegsverbrecher zunächst sehr komfortabel in Argentinien.

Sein Aufenthaltsort war deutschen Behörden der Recherche nicht wert, und wurde es doch einmal prekär für seine Tarnung als Helmut Gregor, war Verlass auf alte Seilschaften und die Günzburger Familie, die stets mit ihm in Kontakt stand. Bis lange nach seinem Tod hielt sie Informationen zurück und wußte die dann doch endlich ermittelnden (internationalen) Stellen in die Irre zu führen. Die Geschichte ist nicht unbekannt, doch nennt sich dieses Sachbuch Roman, und gestattet sich so die Freiheit, spannend wie ein Krimi zu sein, temporeich und fesselnd von dem zu erzählen, was so quälend und grausam real war: dem reibungslos funktionierenden Netzwerk der NS- Verbrecher, der weit verbreiteten Unterstützung in Argentinien, wo die Herrenmenschenideologie unter dem Diktator Perón auf fruchtbaren Boden fiel, der nie abreißenden Unterstützung aus einem Nachkriegs- aber immer noch Nazideutschland, der tatsächlich in diesen Kreisen kursierenden Hoffnung, dass ein Zurück zum NS-Staat noch möglich sei, der ebenso hoch gehandelten Endsiegvariante, dass nach einer letzten -da atomaren- Konfrontation der Machtblöcke USA und Sowjetunion Südamerika gerade der rechte Ort sein könne für einen nationalsozialistisch gesinnten Neubeginn.

Erst die Ermittlungen des Frankfurter Staatsanwalts Fritz Bauer - auch in Sachen Adolf Eichmann- erschütterten die Selbstsicherheit der Naziclique auch im fernen Südamerika und führten später mit internationaler Unterstützung von unter anderem Mossad und Simon Wiesenthal zur Isolierung der Täter und ersten Verurteilungen.

Es ist kritisiert worden, dass es wieder eine Figur des Bösen ist, die hier literarisch im Zentrum steht, nicht also ein Widerstandskämpfer oder eine Antifaschistin, und die Kritik fragt zurecht, warum das Schicksal dieser Menschen eher selten Thema erzählender Literatur wird.

Doch Guez erzählt von Systemen, wenn er das Individuum betrachtet und das Buch wäre missverstanden worden, wenn man am Ende das Dahinvegetieren eines Mörders im südamerikanischen Dschungel bedauerte. Erst 1992 konnte die Akte Mengele nach erfolgter Identifizierung der sterblichen Überreste international geschlossen werden, 20 Jahre nach seinem Tod in Brasilien.

Hier endet auch die Erzählung Guez ́, doch „immer,“ - so der Autor im Epilog- „nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und die Menschen säen wieder das Böse.“

Wenn Sie nun selbst der Meinung sind, all das zu kennen und zwar zur Genüge, es nicht mehr lesen zu wollen, doch lieber das Angenehme in der Literatur suchen, dann könnte es dennoch eine gute Idee sein, dieses spannende Geschichtsbuch zu erwerben, um es weiterzugeben an Ihre Kinder, Nichten und Neffen. (F. Peters)

Guez, Olivier
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783351037284
20,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Belletristik