Francesca Melandri: Alle, außer mir

Bibliotheken, Museen, Institutionen aller Art und Privatpersonen; über drei Seiten erstrecken sich die Danksagungen im Anhang dieses Romans, und zeugen davon, wie intensiv Francesca Melandri die Geschichte des italienischen 20. Jahrhunderts durchpflügt hat - um sie dann exemplarisch mit einer Familiengeschichte, die der Profetis, zu verbinden.
Im Zentrum der einst charismatische, nun vor sich hin dämmernde steinalt gewordene Attilo, durch den Melandri die faschistische Vergangenheit Italiens erzählt.
Er hat am Überfall auf das Abessinische Kaiserreich teilgenommen, mit dem 1935 Mussolini seine Großmachtphantasien von der Wiederauferstehung eines Imperium Romanum auf den afrikanischen  Kontinent getragen hat.
Im Rom des Jahres 2010 begegnen sich zwei weitere Protagonisten des Romans auf ungewöhnliche Weise: als Ilaria Profeti ihr Zuhause im sechsten Stock eines Wohnhauses auf dem Esquilin, dem  ́heiligsten der römischen Hügel ́ erreicht, sitzt dort wartend ein junger Mann aus Afrika, der ohne weiteres seinen Ausweis zückt und sich alsbald als ihr Neffe vorstellt.
Diese Eröffnungsszene des Buches lässt nun in der Familie einige Sicherheiten zum Einsturz bringen; es ist das klassische Thema des Familiengeheimnisses, das Melandri zum sozialen, zum Gesellschaftsgeheimnis ausweitet, denn nachdem die italienische Herrschaft 1941 beendet wurde, waren weder die afrikanischen Massaker noch der sie ermöglichende Rassismus im postfaschistischen Italien ein Thema. Ebenso wie in Deutschland wurden die in der Ideologie überlegener Rasse -der Roman heißt im Original „Sangue guisto“ (Das richtige Blut)- begangenen Verbrechen weder gesühnt noch ihre Rechtfertigungen offiziell in Frage gestellt.
Ilaria öffnet nun die sprichwörtliche Büchse der Pandora, und anhand vergilbter Fotos und Schriftstücke rekonstruiert sie die Geschichte einer Familie, die, was Wunder auf dem europäi- schen Kontinent in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Kriegen bestimmt war, und in diesen auf der Seite der Aggressoren Gewalt ausgeübt hat in wohl allen erdenklichen Formen.
Der junge afrikanische Flüchtling indes, denn als solcher stellt sich Ilarias neue Bekanntschaft heraus, zieht inzwischen durch ein Rom der Migranten und landet trotz seines Passes auf den eindrucksvollen Namen  ́Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti ́ in den Fängen der Ausländerpolizei und schließlich in einem Abschiebelager.
Von seiner Herkunft zu erzählen, dem afrikanischen Teil gewissermaßen der Familie Profeti unternimmt Melandri im zentralen Teil des Buches, dem bisher ganz unbekannten Leben ihres Vaters Attilo spürt sie nach und erzählt eindrücklich auch von der neurechten Gegenwart Italiens, in dem Berlusconi eben wieder Denkmale errichten lässt für Kriegsverbrecher - aus dem Abessinienkrieg.
Sie schreibt an gegen das Vergessen und eine in Italien verbreitete Einstellung, die sie selbst so beschreibt: „Natürlich, wir waren Kolonialisten, aber im Grunde war es bei uns Italienern nicht so schlimm. Im Grunde sind wir liebe Leute, gute Leute – davon sind die Italiener einfach überzeugt. So übel war es nicht in Afrika, wir haben sogar Straßen gebaut.“
Ein mitreißender und manchmal  ́mitnehmender’Roman, der eine Empfehlung ist für alle, die mehr über Italiens Geschichte erfahren wollen, und an die  ́Gemeinschaft der Völker ́ mehr glauben denn an das  ́Gesetz des Blutes ́. Und schließlich ein Roman, in dem eine lebenslustige Römerin uns durch historisches und persönliches begleitet, die sicher nicht ganz zufällig (wenn auch sehr frei übersetzt)  ́fröhliche Prophetin ́, Ilaria Profeti heißt. (F. Peters)

Melandri, Francesca
Wagenbach, Klaus Verlag
ISBN/EAN: 9783803132963
26,00 €
Kategorie:
Belletristik